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Zwischen den Stühlen – Ethik im Gaming Journalismus

Immer wieder passieren Dinge in der Gamingbrache, die mich und das Nerdkeller-Team nachdenklich stimmen. Sei es die Cuphead Kontroverse, Gamergate, Rassismus in der Commity, DLC Politik oder Ähnliches. Selten beleuchten und diskutieren wir aber Themen die uns selbst betreffen. Damit meine ich nicht, dass Journalisten schlechte Berichte schalten, oder versuchen Stimmung in gewisse Richtungen zu machen. Das passiert auch, wobei dies nicht exklusiv auf die Gamingbranche zu sehen ist.

Eines der wirklich großen Themen, die immer im Raum stehen und die gerne ignoriert werden, ist die Tatsache, dass beinahe jede Form des Journalismus als Marketingtool missbraucht werden kann und auch wird. In manchen Branchen hat hier bereits ein Umdenken begonnen, während andere gerade dabei sind sich mit der Problematik zu beschäftigen. Die Pharmaindustrie etwa, hat schon vor Jahrzehnten begonnen Geschenke an Ärzte und Patienten zu streichen und ist auf eine deutlich professionellere Ebene vorgedrungen. Noch läuft nicht alles komplett transparent ab, jedoch ist der  richtige Weg eingeschlagen. Die Automobilindustrie spürt gerade eben was passiert, wenn man nicht offen und ehrlich arbeitet – besonders mit Journalisten. Immer noch ist es gängige Praxis, dass Schreiberlinge von Magazinen teure Reisen zu exklusiven Orten bezahlt bekommen, um etwa einen neuen Familienwagen zu testen (warum sollte der auf Costa Rica anders fahren als am Wiener Ring?).

Buzzfeed ist auch immer mehr in Kritik geraten, weil Werbung (fast alles dort ist Werbung) nicht erkenntlich gekennzeichnet ist. Das führt dazu, dass viele Beiträge wie nette Nachrichten klingen, aber eigentlich ist eine Marketingabteilung dahinter.

Was hat das nun mit Gaming zu tun? Vor nicht allzu langer Zeit hatte Alanah Pearce von IGN einen interessanten Beitrag zu Prey verfasst. Es handelte sich um kein Review, sondern war ein Meinungspiece rund um die Tatsache, dass Bethesda keine Muster mehr vor Release an Journalisten verschickt. Interessant war hier jedoch, dass sie nicht sauer war, sondern aufzeigen wollte, dass das Spiel am PC ja broken as fuck war, Konsumenten dies aber nicht wissen konnten, weil es niemand zuvor gesehen hatte. Gleichzeitig gibt Bethesda aber early Accessboni um viele zum Vorbesstellen zu bewegen. Weiters meinte sie, dass besonders kleine Blogs, Vlogs, etc. massiv darauf angewiesen seien zeitnah Berichte zu schalten, weil sie sonst Schnee von gestern sind.

Nun kam ich ins Grübeln und muss Alanah Recht geben und möchte das noch weiter elaborieren. Gamingjournalisten sind keine Qualitätstestingtools. Es ist nicht unsere Aufgabe zu analysieren, ob ein Spiel läuft oder nicht. In keiner anderen Branche wird das so gehandhabt. Warum sollte es dann in dieser so sein? Eine Grundfunktionalität ist die Mindestvoraussetzung. Wenn ein Spiel diese nicht hat und dennoch geshipt wird, dann ist dies nicht zu tolerieren, was IGN auch tat und dem Spiel ein fürchterliches Review verpasste. Aber ich drifte ab: Qualität und die Patchpraxen der Publisher und Developer sind ein komplett anderes Thema.

Womit Miss Pearce besonders Recht hatte, war die Abhängigkeit die viele Journalisten von der Gamingindustrie haben. Große Journale wie IGN, Gamespot, und wie sie alle heißen, haben die Manpower und das Geld komplett unabhängig Spiele zeitnah zu testen. Die Journalisten sind dann zwar nach einem Jahr im Burnout, weil ein 120 Stunden Spiel in nur wenigen Tagen zu zocken ist nicht nur Knochenarbeit, sondern auch extrem schlecht für die Qualität der Analyse. (Qualität von Game-Reviews ist ein komplett anderes Thema; ich muss mich mehr fokussieren).

Kleine Blogs könnten dies nie bewältigen. Es gibt einige, die dann einfach über ausgewählte Titel schreiben, aber das ist dann ein reines Hobby und nicht massentauglich. Dann gibt es jene die über ihre Community finanziert oder mit Spielen versorgt werden. Das ist ein langer steiniger Weg bis man das Vertrauen der Fans gewonnen hat. Schließlich gibt es jene die total abhängig sind und sich unbewusst (oder auch bewusst) in einer ethischen Zwickmühle befinden.

Das ist wo die Geschichte dieses Beitrags beginnt. Ich bin persönlich ein totaler Fan vom Nerdkeller. Nicht nur, weil ich Teil der Redaktion bin und so meine Meinung durch die Gegend kotzen kann, sondern besonders weil es ein Herzensprojekt ist. Jeder im Team, egal wie häufig und egal wieviel Input er gibt, ist voll dabei. Wir sind ein sehr heterogenes Team, mit unterschiedlichen Interessen und auch Standpunkten zu Themen. Oft ist es schwer sich in der Mitte zu treffen, manchmal unmöglich, jedoch eint uns die Freude an dem jungen Medium der Videospiele. Der Nerdkeller ist aber doch zu einem großen Teil von seinen Partnern abhängig. Zum einen weil wir viele Titel einfach nicht kaufen würden (außer Clemens der kauft alles), aber besonders weil wir die meisten erst spät, langsam oder garnicht testen würden. Medienpartner zwingen uns also indirekt regelmäßig Content zu produzieren, was sehr toll für uns ist. Andererseits haben wir den Vorteil nicht jedes Spiel kaufen zu müssen, was sich gerade bei den jährlichen Sportreleases massiv aufsummieren würde. Alleine 5 Spiele sind das jedes Jahr nur von EA. Dann noch vielleicht PES, Assassins Creed (okay das kommt nicht mehr jährlich), CoD und schon sind wir im 100€ Bereich. Der Nerkeller ist zwar ein Herzensprojekt, aber für niemanden von uns ein Fulltimejob. Finanziert wird er zum größten Teil von Martin persönlich.

Nun kam es also letztens zu einer echten Zwickmühle. Wir haben ein Spiel von einem Publisher in Form eines Codes erhalten. Dieser war aber nicht einlösbar. Kontakt zu diesem ist in Österreich schwierig (wie zu so vielen), weil der österreichische Markt so klein ist, dass er stiefmütterlich behandelt wird. Jetzt hat aber dieser Partner die Voraussetzung, dass Reviews erst abgesegnet werden müssen (I shit you not) bevor man den nächsten Code für ein anderes Spiel erhalten kann. Gerade im Herbst, der Zeit der meisten Releases, eine totale Katastrophe.

Was ist nun zu tun? Der Kontakt zu dem Partner ist langwierig und kompliziert. Wir sind aber, wegen der Bestellrestriktion, und auch unserer Coverage im Internet mehr oder weniger gezwungen diesen Content zu bringen. Die Lösung wäre entweder ein Fakereview zu verfassen, damit wären aber die Leser hinters Licht geführt. Den Publisher öffentlich zu flamen, was die Kooperation nachhaltig schädigen, oder sogar beenden könnte, wäre auch noch möglich.

Die Entscheidung viel darauf den schweren Weg zu gehen. Kein Review zu schalten, Kontakt herzustellen und auf die Coverage zu verzichten. Ich weiß, dass es für den Nerdkeller die richtige Entscheidung war. Aber war sie das wirklich?

Denn nun haben wir beide Wege zugleich eingeschlagen. Der Publisher kommt gut davon, er wird sein Review erhalten und ich erwähne ihn nicht, was auch falsch wäre, weil dieses Verhalten nicht exklusiv für diesen einen ist. Besonders sind wir ja alle erwachsen und keine kleinen Kinder die Unreal Tournement spielen wollen. Viele Publisher agieren aber leider sehr ähnlich, und üben Druck aus, was von einem Marketing Standpunkt aus verständlich ist. Leider ist es ethisch gesehen Bad practice.

Auf der anderen Seite kommen auch unsere Leser so besser davon. Sie bekommen keine Falschinformationen in Form von Fakereviews gefüttert. Was sowieso schrecklich wäre, aber ich kann Journalisten verstehen, wenn Sie diesen Weg gehen müssen um ihre eigene Existenz zu retten.

Am Ende bleiben aber auch bei unserer Lösung einige Verlierer. Der Journalist, der sich von nun an in einer moralischen Zwickmühle befindet und eigentlich eine Verpflichtung seinen Lesern und nicht dem Publisher gegenüber haben sollte. Der Leser, weil er keinen Content erhält und sich vielleicht ab nun immer fragt ob Beiträge in Gamingjournalen ernst zu nehmen sind. Und auch der Publisher, der sich eventuell fragen sollte, ob die totale Kontrolle der Medienoutlets tatsächlich etwas ist was Vertrauen schafft.

Lösung habe ich leider an dieser Stelle keine. Ich kann nur sagen, dass der Nerdkeller immer versucht so gut wie möglich zu berichten und dass es sich hier um echte Ausnahmen handelt. Generell läuft die Beziehung zu den Partnern gut, und den Mund hätte uns auch noch keiner verboten. Doch wir leben immer an einer ethischen Klippe und der Balanceakt könnte auch scheitern.

Wie denkt ihr darüber? Sollten wir öffentlich kennzeichnen welche Beiträge durch die Partner bezahlt, oder gesponsert wurden, oder ist euch dies egal, weil ihr euch sowieso Infos von mehreren Stellen sucht? Oder habt ihr komplett aufgehört Reviers zu lesen, weil der Podcast eh viel lustiger ist?

In diesem Sinne hoffe ich eine Idee in euren Köpfen gepflanzt zu haben und wünsche euch einen schönen Tag voller Games und bis zum nächsten Mal.kbm

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